Das CJD - Die Chancengeber CJD Siegen-Wittgenstein

Auf gute Nachbarschaft

25.01.2017 CJD Siegen-Wittgenstein « zur Übersicht

Erndtebrück. Es war ein großer Tag für die neuen Mitbürger. Am Vorabend haben sie letzte Vorkehrungen getroffen und eigens für den großen Anlass gebacken – Bolani, eine Spezialität aus Afghanistan. Aufgeregt waren die Flüchtlinge, die seit Dezember in Erndtebrück leben, dennoch. „Die Jungs waren nervös und wollten, dass alles top ist“, berichtete Julia Wunderlich. Und tatsächlich hatten die 16- und 17-jährigen Afghanen den Worten der Erzieherin in jeder Hinsicht Taten folgen lassen.

Ende Dezember war das Quartett in dieVerselbstständigungsgruppe des ChristlichenJugenddorfs (CJD) gezogen (die SiegenerZeitung berichtete exklusiv), gesternstellten sie sich und die neuen Räumlichkeitender Öffentlichkeit vor – genauergesagt: ihren neuen Nachbarn. „Wir habenbewusst die gesamte Nachbarschaft eingeladen.Die Neugier der Menschen aufeinanderist groß, wir wollen mit dieserAktion die Scheu und mögliche Vorbehalteabbauen“, erklärte Anke Bremmer. Unddie CJD-Standortkoordinatorin aus Birkelbachund ihr Team hatten ins Schwarzegetroffen: Anwohner, Vertreter der Feuerwehr,der Polizei, des Deutschen RotenKreuzes, der Kirche, der FlüchtlingsinitiativeErndtebrück, des AWo-Seniorenzentrums,Lehrer, Vormünder, Vertreter derFirma Berge Bau – sie hatte für den Umbauder ehemaligen DRK-Wache in Erndtebrückverantwortlich gezeichnet – undnicht zuletzt Bürgermeister Henning Gronauwaren vor Ort, um ihre neuen Mitmenschenpersönlich willkommen zu heißen.Mit Geschenken und Leckereien ausder Region sowie Worten der Herzlichkeitbegegneten sie den jungen Flüchtlingen.

Exakt drei von ihnen waren vor Ort – ihrTerminkalender erlaubte dies. Denn währendFarhad, Akbar und Jamshid die Realschulein Erndtebrück besuchen und bereitsFeierabend hatten, war der vierte imBunde – Nooragah – noch bei einer Bildungsmaßnahmein Siegen. Aktiv hattedas Quartett an den Vorbereitungen teilgenommen,Einladungen verteilt und sichdabei ganz bewusst für einen Tag der offenenTür der speziellen Art entschieden.„Unser Ziel ist es, die Jungs direkt zu integrieren.Das funktioniert gut: Sie haben inder Schule bereits Freunde gefunden,spielen Fußball in Birkelbach und Aue undbesuchen des Öfteren den Jugendtreff Login“,erklärte Julia Wunderlich. Ganz neusind sie ergo nicht mehr in der Edergemeinde,nun allerdings kennen sie auchdie unmittelbare Nachbarschaft – und dieNachbarschaft sie.

Letztlich sollte das Willkommensfest inder Gruppe gestern ein weiterer Schrittzur Normalität sein. Denn mit dem Abbauvon Vorbehalten sollte ein weiterer Schrittin den Alltag gelingen. Für insgesamt fünfMenschen bietet die VerselbstständigungsgruppePlatz, so dass ein weitererhinzukommen könnte. Die Flüchtlinge sollendort Selbstständigkeit lernen und mehrund mehr Eigeninitiative ergreifen. Mitden Sozialpädagoginnen Lydia Zech undRonja Tröps, der Auszubildenden AnkeWecker sowie Erzieherin Julia Wunderlichstehen ihnen dabei zwar täglich Ansprechpartnerinnenzur Verfügung – sie greifenallerdings nur im Bedarfsfall ein.

„Wir helfen bei Arztbesuchen, die in eineranderen Stadt sind oder bei Behördengängen.Tätigkeiten im Haushalt, Einkäufeund ihren Alltag in der Schule und derFreizeit müssen die Jungs aber selbst regeln.Wir wollen, dass sie peu à peu Eigenständigkeitlernen“, erzählte Julia Wunderlich.Zwischen einem halben und anderthalbJahren ist das Quartett mittlerweilein Deutschland. Zuletzt lebten diejungen Menschen am CJD-Hauptstandortin Birkelbach und lernten sich dort kennen.Nun leben sie auch zusammen.

„Es passte von Anfang an. Die Jungsverstehen sich gut, helfen sich und greifensich gegenseitig unter die Arme. DieseKonstellation ist wirklich gut“, wusste dieErzieherin. Und diese gegenseitige Unterstützungbeginnt bereits in den neuen vierWänden. Neben einem persönlichenRaum stehen den Bewohnern ein Aufenthaltsraummit Küche und Fernseher, einHauswirtschaftsraum sowie zwei Badezimmerzur Verfügung – und für dieseRäumlichkeiten tragen die Bewohner auchdie Verantwortung. Vollends eingerichtetist die Verselbständigungsgruppe nochnicht. „Im Aufenthaltsraum fehlt noch einSofa. Bisher war schlichtweg noch keineZeit, um selbiges zu holen – aber das machenwir noch“, erklärte Julia Wunderlich.

Die Zeit bringt eben gefestigte Strukturenmit sich – auch im Alltag. Gestern allerdingsgenossen die jungen Flüchtlingedankbar den Besuch aus der Nachbarschaft.Mit einem breiten Grinsen stelltensie sich ihren neuen Mitmenschen vor undbeantworteten ihnen bereitwillig ihre Fragen– zur Überraschung der ErndtebrückerGäste in deutscher Sprache. Viel besserhätte das Kennenlernen mit den neuenNachbarn kaum laufen können. Möglicherweisewachsen – mit der Zeit – auchneue Freundschaften.

Quelle: Siegener Zeitung
Text und Fotos: Timo Karl

Schwerpunkte in der Ausrichtung des CJD Siegen-Wittgenstein sind die Kinder- und Jugendhilfe sowie Maßnahmen im Auftrag der Agentur für Arbeit und des örtlichen Jobcenters.