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16.11.2015 CJD Siegen-Wittgenstein « zur Übersicht

Das CJD beherbergt 18 junge Flüchtlinge: Die SZ wirft einen Blick hinter die Kulissen

Birkelbach. Ein Blick in die Gesichter der jungen Flüchtlinge reicht. Sie sind gezeichnet. Von den Torturen in ihrer Heimat. Von den Torturen ihrer Reise nach Deutschland. Von den Torturen der Ungewissheit. Hinter jedem einzelnen Schicksal steckt eine persönliche Tragödie unvorstellbaren Ausmaßes – auch hinter denen der Flüchtlinge im Christlichen Jugenddorf (CJD) in Birkelbach. Es ist die Kehrseite der Medaille eines Politikums mit derzeit unabsehbaren Folgen. Und es ist die Summe der Tragödien, die dieses Politikum auf vielen Ebenen so bitter macht. Es ist ein Morgen wie jeder andere auch. Im zu einem Klassenraum umfunktionierten Versammlungsraum sitzen die Flüchtlinge und lernen. Es ist das immer gleiche Fach: Deutschunterricht. „Für die jungen Flüchtlinge besteht keine Schulpflicht, sie durchlaufen zunächst ein Clearing-Verfahren“, erzählt Anke Bremmer. Die Standort-Koordinatorin der Einrichtung in Birkelbach hat in den vergangenen Monaten viele junge Flüchtlinge kommen und gehen sehen.  

Das Prozedere ist bei jedem das gleiche: „Im Clearing-Verfahren stellen wir fest, wie weit die persönliche Entwicklung der Flüchtlinge vorangeschritten ist. Dies geschieht durch einen Bild-Test, für den wir in Zusammenarbeit mit der Universität Siegen Anleitungen in verschiedenen Sprachen erstellt haben. Zudem versuchen wir immer auch, einen entsprechenden Dolmetscher zu finden. Wir versuchen, eine Biografie aufzubauen, um danach festzustellen, welcher Werdegang für sie in Frage kommt“, erzählt Anke Bremmer – Schule, Ausbildung, vielleicht irgendwann sogar ein Studium: Denkbar ist alles, nur die rechtlichen Regelungen sind noch nicht eindeutig ausgegoren – die Perspektiven, gerade im Hinblick auf den vieldiskutierten Fachkräftemangel sind aber durchaus gegeben. „Viele Flüchtlinge sind wirklich lernwillig. Wir hatten einen Jungen, der binnen zwei Monaten ein tolles Deutsch gesprochen hatte und auch in dieser Sprache kommunizieren wollte – das ist einfach toll“, freut sich die Standort-Koordinatorin.  

Dass die derzeit 18 Flüchtlinge, die im CJD untergebracht sind, in Deutschland bleiben, scheint aber sicher – sie sind minderjährig und unbegleitet angekommen (die Siegener Zeitung berichtete exklusiv). Ihre Eltern und Verwandten mussten sie – oft noch im Kindesalter – in ihrer Heimat zurücklassen, um selbst zu überleben. Der Deutschunterricht ist für die Flüchtlinge daher wichtig, aber längst nicht alles. Wenn sie ankommen, erhalten sie Kleidung, Bettwäsche – vermeintliche Kleinigkeiten des Alltags, die für sie bisher nicht selbstverständlich gewesen sind. „Wir haben eine 24-Stunden-Betreuung. Dazu gehört auch die psychologische Betreuung der jungen Vertriebenen“, berichtet die Standort-Koordinatorin. Psychologin Elke Larson hilft den Kindern und Jugendlichen dabei, ihre Erlebnisse zu bewältigen, denn sie sind schwer traumatisiert.  

„Viele haben Angst einzuschlafen, weil sie Taliban über den Balkon kriechen sehen“, weiß Anke Bremmer – harter Tobak, der aber nur an der Oberfläche des Seelenlebens der Flüchtlinge kratzt. „Mama Elke“ – so nennen die Flüchtlinge die Psychologin vielsagend – ist daher eine wichtige Stütze und das Fundament für die spätere Integration. Denn es geht um nicht weniger, als den jungen Menschen aus Nahost das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, das ein Rechtsstaat wie die Bundesrepublik Deutschland per Gesetz garantiert. Ein Gefühl, das für sie allerdings alles andere als selbstverständlich ist – ebenso, wie das europäische und speziell deutsche Wertesystem.  

„Immer freitags findet statt des Deutschunterrichts eine Gesprächsrunde statt. Sie ist freiwillig, aber alle machen mit. Dabei geht es um das Bild der Frau in Deutschland, darum, dass die Flüchtlinge nicht nur Mama Elke, sondern alle Frauen ernst zu nehmen haben. Aber auch die Jungs bringen Themen ein“, berichtet Anke Bremmer. Auf diese Weise minimiert das CJD das Konfliktpotenzial zwischen den Flüchtlingen – Probleme kommen auf den Tisch, um sie gemeinsam zu lösen. „Wir arbeiten dialogorientiert. Die Jungs kennen es meist nicht, dass sie nach ihrer Meinung gefragt werden. Sie sollen unser Gesellschaftsbild kennenlernen und lernen – da prallen Welten aufeinander. Daher ist die wöchentliche Gesprächsrunde ein Schritt zur Integration“, weiß die Standort-Koordinatorin.  

Derzeit wohnen 14 der 18 Flüchtlinge in einer Wohngruppe, zwei sind in Wohngruppen mit Deutschen untergebracht und ein Geschwisterpaar – zwölf und 19 Jahre alt – wohnt zusammen. „Wir wollten sie nicht trennen, sondern zusammenleben lassen und auf diese Weise integrieren. Daher geht das Duo nun zur Schule und versorgt sich weitgehend selbst“, sagt Anke Bremmer. 

Unterstützung erhalten die beiden Brüder dennoch, etwa durch ein Haushaltsorganisationstraining, das den Betreuern auch Auskunft gibt, inwiefern das Duo eigenständig agieren kann. Integration ist das Zauberwort, das die Standort-Koordinatorin immer wieder nennt. So hat das CJD einen Kooperationsvertrag mit dem Fitnessstudio „Impuls“ in Bad Berleburg geschlossen, in dem die Flüchtlinge nun trainieren können. Dabei können sie per Zug in die Odebornstadt gelangen oder per pedes. „Manche laufen den Weg von Birkelbach aus einfach, das ist nach ihrer Flucht keine große Entfernung mehr für sie“, berichtet die Standort-Koordinatorin.

In der kommenden Woche startet zudem ein Pilotprojekt, das die Musik- und Singeschule Erndtebrück initiiert hat: Gruppenübergreifend für alle CJD-Bewohner findet dann regelmäßig Musikunterricht statt, der therapeutischen Charakter hat – ein Pilotprojekt, das durch Landesmittel subventioniert ist. Es bedarf aber nicht immer einer Kooperation, einige Flüchtlinge kommen auch in Vereinen unter, etwa um Fußball zu spielen: ein Trio trainiert unter anderem in der B-Jugend der JSG Aue-Birkelbach.  

„Bereits im Sommer haben die Flüchtlinge auf dem CJD-Gelände mit den anderen Bewohnern gespielt. Dabei braucht es nicht viele Worte – Sport verbindet“, weiß Anke Bremmer, die bereits in der kommenden Woche das Gespräch mit Erndtebrücks Bürgermeister Henning Gronau suchen will – es geht um eine weitere Kooperation, um eine Zusammenarbeit mit den Flüchtlingen, die ab Dezember in die neue Unterkunft am Bahnhof Birkelbach einziehen sollen – kaum 20 Schritte entfernt vom CJD.  

Wie lange die derzeit untergebrachten Flüchtlinge dort bleiben, ist ungewiss. Ursprünglich als Durchgangsstation gedacht, sind einige Flüchtlinge bereits seit Monaten in Birkelbach. Andere wiederum verlassen die Einrichtung quasi über Nacht. „Am vergangenen Wochenende hat sich einer der minderjährigen Flüchtlinge über Nacht abgesetzt – mit Gepäck. Das passiert leider, sie machen sich dann einfach auf den Weg und tauchen in einem anderen Bundesland wieder auf“, erzählt Anke Bremmer.  

Jener Flüchtling etwa hat einen Bruder in einer Unterkunft in Ostdeutschland. Der wiederum ist ebenfalls minderjährig, hat sich bei Nachforschungen des CJD, des Jugendamtes und der Polizei herausgestellt. Die Verantwortlichen wollten ihn deshalb vorerst nicht mit seinem Bruder zusammenbringen. Zu vermuten ist, dass er sich deshalb auf eigene Faust auf den Weg gemacht hat – vermutlich ein vergleichsweise geringer Weg nach der Flucht aus der Heimat. „Dass sich manche Flüchtlinge absetzen, hat nichts damit zu tun, dass sie undankbar wären. Es zeigt vielmehr, welche persönlichen Tragödien hinter der Flüchtlingswelle stehen“, erklärt Anke Bremmer. Ein Blick in die Gesichter der Flüchtlinge, die geblieben sind, genügt.

CJD benötigt weitere Spenden

Die Flüchtlingswelle ist enorm, die Unterkünfte sind knapp – ganz zu schweigen von fehlender Kleidung und finanziellen Mitteln. Das Christliche Jugenddorf (CJD) Siegen-Wittgenstein in Birkelbach ist daher weiter auf Geld- und Sachspenden angewiesen.
Das CJD benötigt vor allem Kleidung für den Winter, um die Flüchtlinge entsprechend auszustatten, aber auch Sportkleidung.  

Für finanzielle Zuwendungen ist ein Spendenkonto eingerichtet:
IBAN: DE 6530 0600 1021 5039 2817
BIC: GENO DEDD XXX
Bank: WGZ Düsseldorf
Verwendungszweck: Spende UMF

Quelle: Siegener Zeitung, Ausgabe Wittgenstein vom 4.11.2015
Text und Foto: Timo Karl

Schwerpunkte in der Ausrichtung des CJD Siegen-Wittgenstein sind die Kinder- und Jugendhilfe sowie Maßnahmen im Auftrag der Agentur für Arbeit und des örtlichen Jobcenters.